Zweiter Teil des Interviews mit Sare Özer
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Treffpunkt Schokofabrik

Bildungsgerechtigkeit und Migrationsgeschichte

Liebe Sare beim letzten Mal hast du uns euren Arbeitsplatz, das Frauenzentrum Schokofabrik vorgestellt. Heute wollen wir noch einmal detaillierter auf die Herausforderung eurer Arbeit und die Situation junger Frauen im Kiez eingehen.

 

Viele aktuelle Studien belegen ja immer wieder, wie schwierig der „Bildungsaufstieg“ gerade für Jugendliche aus Familien mit Migrationsgeschichte ist. Zusätzlich dann, wenn deren Eltern nicht bereits auch studiert haben. Wie beurteilst du das aus deiner Praxiserfahrung?

Bildung ist ein Menschenrecht und steht jedem Menschen zu. Sie stellt Grundvoraussetzungen für ein selbstbestimmtes Leben dar. In Deutschland gibt es formal den Zugang zur Bildung für alle. Es gibt eine Schulpflicht für Kinder und Jugendliche und die Schule erhebt keine Schulgebühren. Wenn sich also Menschen hart genug in Schule, Uni und Beruf anstrengen, stehen ihnen alle Türen offen, richtig?

Leider nicht, denn nicht jede Person in Deutschland hat auf gleiche Weise Zugang zur Bildung! Einige können die Schule gar nicht besuchen, oder besuchen gesonderte Klassen und das nicht erst, seitdem 2011 die sogenannten „Willkommensklassen“ eingerichtet wurden, sondern schon solange es Schulen gibt. Garip  und Erdal haben euch in ihren Interviews davon berichtet.

 

Das Problem vererbt sich sozusagen?

Genau, der Bildungsstatus in Deutschland vererbt sich und die Frage wer, welche Schule besucht und Bildung genießt, war schon immer davon abhängig, aus welchen Verhältnissen eine Person stammt, welcher Religion sie angehört, ob es eine familiäre Migrationsgeschichte gibt, ob man als „fremd“ wahrgenommen, oder gesellschaftlich behindert wird. Seit 2001 erinnert uns die PISA-Studie regelmäßig daran, dass Bildungserfolg und Bildungszugang in Deutschland hauptsächlich vom sozioökonomischen Hintergrund der Familie abhängt und nicht davon, wie talentiert, fleißig oder intelligent ein Kind ist. Zudem ist es ein Mythos, dass jedes Kind in Deutschland auf gleiche Weise Lernen und die gleiche Leistung erbringen könnte, denn Schule, Nachhilfestunden, zusätzliche außerschulische Förderung steht eben nicht jeder Familie auf gleiche Weise zur Verfügung.

 

Wir beide sehen dies ja auch aktuell an der Bildungspolitik in der Corona-Pandemie! Die Frage wer überhaupt die Möglichkeit zum sog. Homeschooling hat ist sicherlich auch eine von Privilegien und Herkunft.

Ja, das denke ich auch! Der Erziehungswissenschaftler Aladin El-Mafaalani hat darauf auch kürzlich hingewiesen. Wir sehen hier sehr deutlich, dass sich Bildungsungleichheit weiter verstärkt. Später setzt sich diese Ungleichheit trotz aller Anstrengungen und Bildungserfolge übrigens fort. Wenn es ein Kind aus einer ärmeren Familie ohne studierte Eltern mit Migrations- oder Fluchtgeschichte an die Hochschule schafft, was aufgrund der Studiengebühren, der Kosten für Umzug oder Lernmaterialien, der bürokratischen Hürden der Immatrikulation usw. usf. sehr schwierig ist, begegnet dieses Kind weiteren Hürden, etwa der akademisierten, sehr wissenschaftlichen Sprache und des Habitus’ vor Ort, oder der Erwartung, unbezahlte Praktika machen zu müssen. Am Ende ist es gar so, dass die ganze Anstrengung, die wie gesagt höher ist, als bei privilegierteren Gleichaltrigen, zum Abitur oder zu einem Studienabschluss, aber nicht unbedingt zu einem besser bezahlten und sicheren Job führen. Studien zeigen, dass weiße Personen aus sozioökonomisch besser gestellten Verhältnissen, trotz gleichen Bildungsabschlusses mehr Geld verdienen – ironischerweise, obwohl sie unter Umständen insgesamt weniger geleistet haben.

 

Der Treffpunkt soll jungen Frauen mit Migrationsgeschichte ein Bewusstsein ihrer Lage als Frau in der Gesellschaft vermitteln und Selbstbestimmung letztlich fördern. Wie beurteilst du allgemein die schulische Situation eurer Mädchen?

Die großen (Anpassungs-)Leistungen, die uns aufsuchende und Mädchen leisten müssen, können ein Gefühl der Macht- und Einflusslosigkeit zur Folge haben. Das Konzept des Treffpunkts sieht daher eine Kombination aus Bildungsarbeit und Beratung vor, in der die Lebensgeschichten und Lebenssituationen, auch die Erfahrung der Mehrfachdiskriminierung als weiblich gelesene Personen in Deutschland eine wichtige Rolle spielen. Die Reflexion der persönlichen Lebenssituation soll den Mädchen* Mut machen, eigene Ansprüche zu formulieren und eine eigenmächtige, selbstverantwortliche und selbstbestimmte Lebensplanung in Angriff zu nehmen. Die Bildungsarbeit im Treffpunkt zielt also nicht nur darauf ab, Lernstrategien und Schulstoff zu vermitteln, sondern Mädchen* zu empowern, indem sie Gestaltungsspielräume wahrnehmen und eigene Ressourcen nutzen.

Mädchen beim bemalen einer Wand
© Schokofabrik e.V. Berlin

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