Innovation braucht Sichtbarkeit: Der „Leitfaden zum geschlechtersensiblen Sprachgebrauch“ gibt Impulse für eine zeitgemäße Hochschulsprache
Wer „Spielraum für Innovation“ schaffen will, muss Barrieren abbauen – auch in der Kommunikation. Mit dem Leitfaden für gendersensiblen Sprachgebrauch setzt die TH Wildau ein klares Zeichen für eine inklusive Campus-Kultur. Für die Hochschulleitung ist der Leitfaden dabei kein bürokratischer Akt, sondern ein notwendiges „Update unseres kulturellen Betriebssystems“.
Innovation entsteht dort, wo Vielfalt gestärkt und sichtbar gemacht wird. In unserem Interview erläutert Präsidentin Ulrike Tippe, warum sprachliche Präzision ein wissenschaftlicher Ur-Anspruch ist, weshalb der Genderstern wie eine Variable in der Informatik funktioniert und wie Achtsamkeit im täglichen Redefluss zu einem respektvolleren Miteinander führt.
Das Narrativ für unsere Hochschule, die sich aus unserem Strategieprozesses ergeben hat lautet ‚Spielraum für Innovation‘. Oft wird Innovation primär technologisch verstanden. Inwiefern ist der (neue) Leitfaden zum geschlechtersensiblen Sprachgebrauch ein notwendiges Update unseres ‚Betriebssystems‘, um diesen innovativen Anspruch auch kulturell glaubwürdig einzulösen?
Innovation wird maßgeblich durch Vielfalt und das Zusammenbringen unterschiedlicher Perspektiven ausgelöst und gefödert. Wer echte Innovation will, muss diese Vielfalt zulassen und sie vor allem sichtbar machen. In diesem Sinne verstehe ich den Leitfaden nicht als bürokratischen Akt, sondern als einen „Enabler“ – einen Ermöglicher. Er schafft den notwendigen sprachlichen (Spiel-)Raum, damit sich alle – egal, ob Forschende, Studierende oder Mitarbeitende – gleichermaßen angesprochen und eingeladen fühlen, sich einzubringen.
Hinzu kommt, dass wir im Rahmen unserer Strategiebildung „Diversität“ fest als Querschnittsthema verankert und seit dem 1. April 2025 auch personell durch die Stabsstelle Diversität unterlegt haben. Der Leitfaden unterstützt uns dabei, diesen Anspruch zu operationalisieren.
Als Hochschule bilden wir die Entscheidungsträger*innen von morgen aus. Wenn wir Sprache als Schlüsselqualifikation betrachten: Welches strategische Signal senden wir mit diesem Leitfaden an unsere Partner*innen in Wirtschaft und Gesellschaft bezüglich der Werte, die Absolvierende der TH Wildau mitbringen?
Unsere Absolvierenden werden sich in einer zunehmend globalisierten und diversen Arbeitswelt wiederfinden und auch Führungspositionen innehaben. „Diversity-Kompetenz“ – und dazu gehört untrennbar die Sprache – ist heute längst kein „Nice-to-Have“ mehr, sondern ein harter Standortfaktor und ein wichtiges Einstellungskriterium in modernen Unternehmen. Mit diesem Leitfaden senden wir ein klares Signal: Wir bereiten unsere Studierenden nicht nur fachlich exzellent vor, sondern rüsten sie auch kulturell für die Anforderungen des modernen Arbeitsmarktes und der Gesellschaft aus. Als „Spielraum für Innovation“ ist es unser Markenkern, gesellschaftliche Standards wie die Gleichbehandlung nicht nur abzubilden, sondern sie aktiv vorzuleben und damit auch sprachlich kenntlich zu machen.
„Sprache formt unsere Wahrnehmung“
Der Leitfaden zitiert die linguistische Erkenntnis, dass Sprache das Denken und damit gesellschaftliches Handeln prägt. Wie wichtig ist es für eine moderne Wissenschaftsinstitution, sprachliche Normen nicht als statisch zu betrachten, sondern den dynamischen gesellschaftlichen Wandel proaktiv in der eigenen Kommunikation abzubilden?
Als Hochschule ist es unser Anspruch, Entscheidungen auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu treffen – und das betrifft natürlich auch das Management. Die Linguistik zeigt uns deutlich, dass Sprache unsere Wahrnehmung formt, unser Denken und unser Tun beeinflusst – das ist der Kern der „Sapir-Whorf-Hypothese“. Wer beispielsweise ausschließlich männliche Formen nutzt, erzeugt unweigerlich primär männliche Bilder im Kopf.
Unsere Gesellschaft hat sich weiterentwickelt – man denke an die Ehe für alle oder den dritten Geschlechtseintrag „divers“ im Personenstandsgesetz. Eine statische Sprache würde diese Realität schlichtweg leugnen. Sprachliche Anpassung ist daher kein Verfall, sondern eine notwendige Evolution. Wir nutzen in unseren Laboren ja auch nicht mehr die Technik von 1990 – warum sollten wir also ausgerechnet bei der Sprache auf diesem Stand stehen bleiben? In der Technologie bringen Entwicklungen ganz automatisch neue Begriffe mit sich, und auch der Duden wächst stetig um tausende Wörter an. Das zeigt: Sprache wandelt sich immer, um sich der Wirklichkeit anzupassen. Und mal ehrlich: Wer spricht denn heute noch wie die Menschen im Mittelalter oder zu Goethes Zeiten?
Kritiker*innen befürchten oft einen Verlust an Lesbarkeit oder Tradition. Wenn wir jedoch auf den ‚Genderstern‘ als Platzhalter für Vielfalt blicken: Würden Sie zustimmen, dass diese neuen Sprach- bzw. Schreibvariante eigentlich eine höhere wissenschaftliche Präzision ermöglicht, weil sie die Realität der Geschlechtervielfalt exakter beschreiben als das generische Maskulinum? – und, wenn ja: Warum?
Absolut. Wissenschaft strebt immer nach höchstmöglicher Präzision. Das generische Maskulinum ist faktisch ungenau: Meint es nur Männer? Alle? Die Umkehrprobe beim generischen Femininum zeigt schnell, dass wir dann oft nur an Frauen denken – und Männer sich auch nicht ‚mitgemeint‘ fühlen. Der Asterisk (*) hingegen funktioniert wie eine Variable in der Informatik – er ist ein Platzhalter, der explizit alle Geschlechteridentitäten inkludiert. Das ist wissenschaftlich exakter als ein bloßes „Mitmeinen“ und nimmt gleichzeitig niemandem etwas weg. Was die Lesbarkeit betrifft: Das ist oft eine Frage der Gewohnheit. Studien belegen, dass gegenderte Texte nicht schlechter verständlich sind. Was sich anfangs „holprig“ anfühlt, wird durch regelmäßige Nutzung schnell zur neuen, präzisen Norm.
„Was zählt, ist der Wille zur inklusiven Ansprache.“
Der Leitfaden unterscheidet zwischen rechtlicher Vorgabe in Dokumenten und einer Empfehlung im Marketing bzw. dem täglichen Gebrauch in unseren verschiedenen Möglichkeiten miteinander schriftlich zu kommunizieren. Wie möchten Sie als Präsidentin den Kulturwandel moderieren, damit dieser Leitfaden intern nicht als bürokratische Vorschrift, sondern als Einladung zu einem respektvolleren Miteinander wahrgenommen wird?
Mir ist die Unterscheidung zwischen der rechtlichen Pflicht in offiziellen Dokumenten und der Empfehlung in der täglichen Kommunikation sehr wichtig. Wir begreifen uns als Lernort. Das bedeutet auch, dass wir eine positive Fehlerkultur brauchen: Niemandem wird der Kopf abgerissen, wenn er oder sie mal stolpert oder in alte Sprachgewohnheiten zurückfällt. Wir können uns keine neuen Verhaltensweisen aneignen, ohne auf dem Weg auch Fehler zu machen. Was zählt, ist der Wille zur inklusiven Ansprache. Der Kern des Leitfadens ist „respektvoller Umgang“. Wir wollen nicht belehren, sondern sensibilisieren. Ein inklusiver Sprachgebrauch ist schlicht ein Ausdruck dieses gegenseitigen Respekts.
Sprachgewohnheiten abzulegen, ist ein kognitiver Kraftakt – auch für Führungskräfte. Wo sehen Sie persönlich für sich die größte Herausforderung oder auch die größte Bereicherung darin, den Genderstern und neutrale Formulierungen im täglichen Redefluss – etwa beim ‚Glottisschlag‘ – zu integrieren?
Ich gebe offen zu: Es ist kognitive Arbeit, weil unsere Sprachmuster sehr tief sitzen. Aber der sogenannte „Glottisschlag“, also die kurze Pause beim Sprechen des Sterns, ist uns im Deutschen eigentlich gar nicht fremd – wir nutzen ihn ganz natürlich in Wörtern wie „Spiegel-ei“ oder „Be-amtin“. Die größte Bereicherung für mich persönlich ist, dass diese kurze Pause zur Achtsamkeit zwingt. In diesem Moment mache ich mir kurz bewusst: „Ich spreche gerade zu einer vielfältigen Gruppe“. Das wertet die Kommunikation auf, statt sie zu stören. Auch wenn es vielleicht widersprüchlich klingt: Mittlerweile geht mir die Pause nahezu flüssig über die Lippen. Sie vermittelt glaubhaft, dass wir uns Vielfalt nicht nur auf die Fahnen geschrieben haben, sondern den diversitätssensiblen Umgang im Alltag wirklich ernst nehmen.
Infos zum Leitfaden und Ausblick: Themenkampagne Diversity
Dieses Interview bildet den Auftakt einer Themenkampagne zum Schwerpunkt Diversity, die in den kommenden Monaten den Aspekt „Sprache“ besonders beleuchten wird. So folgen im Laufe des Jahres weitere Aktionen und Impulse, um den kulturellen Wandel auf unserem Campus aktiv und gemeinsam zu gestalten.
In diesem Artikel wird der „Leitfaden zum geschlechtersensiblen Sprachgebrauch an der TH Wildau“ ausführlich vorgestellt und verlinkt.
Fachliche Ansprechperson
Dr. Andrea Böhme
Fachbereich Ingenieur- und Naturwissenschaften
Zentrale Gleichstellungsbeauftragte
Wisschaftliche Mitarbeiterin (Mikrosystemtechnik und Systemintegration)
Oberassistenin von Prof. Dr. A. Foitzik, Professor for Microsystems technology
Tel.: +49 3375 508 779
Mail: andrea.boehme@th-wildau.de
Web: www.th-wildau.de/mst
Haus 15, Raum 041
Sprechzeiten:
Meine Sprechstunden finden bis auf Weiteres Dienstag zwischen 12 und 13 Uhr im Raum 15.041 statt.
Schreiben Sie mir hierzu bitte vor der Sprechstunde eine Mail mit Ihren Kontakinformationen.
aboehme@th-wildau.de
Sprechzeiten Gleichstellung:
Meine Sprechstunden finden bis auf Weiteres Dienstag zwischen 12 und 13 im Raum 15.041 statt.
Schreiben Sie mir hierzu bitte vor der Sprechstunde eine Mail mit Ihren Kontakinformationen.
gleichstellungsbeauftragte@th-wildau.de
www.th-wildau.de/hochschule/beauftragte/gleichstellung
Ray Trautwein
Präsidium
Diversitätsmanager
Tel.: +49 3375 508 128
Mail: ray.trautwein@th-wildau.de
Haus 13, Raum 032
Redaktionelle Ansprechperson
Sebastian Stoye
Zentrum für Hochschulkommunikation
Interne Kommunikation & Referent der Präsidentin
Tel.: +49 3375 508 340
Mobil-Tel.: +49 15679 158557
Mail: sebastian.stoye@th-wildau.de
Web: https://www.th-wildau.de/interne-kommunikation/
Haus 21, Raum A102
Präsidium: https://www.th-wildau.de/hochschule/praesidium