37. Kolloquium: Herausforderungen der Fahrzeugbeschaffung in kleinen Straßenbahnunternehmen.
Am 19. November 2025 waren der Geschäftsleiter Sebastian Stahl und der Betriebsleiter Robert Riecken von der Schöneicher-Rüdersdorfer Straßenbahn GmbH (SRS) zu Gast beim 37. Verkehrswissenschaftliche Kolloquium Wildau an der TH Wildau, um über die Herausforderungen bei der Neubeschaffung von Fahrzeugen in kleinen Straßenbahnunternehmen zu informieren.
Die SRS ist ein teilkommunales Unternehmen und Teil der NEB-Aktiengesellschaft. Sie beschäftigt derzeit insgesamt ca. 50 Mitarbeitende (ca. 30 Personen im Fahrdienst, 6 in der Werkstatt in Schöneiche und 4 in Woltersdorf, 3 Disponenten, 2 Gleisbauer, 5 Verwaltungsmitarbeitende) und betreibt zwei voneinander getrennte Linien im östlichen Berliner Umland, konkret in den Landkreisen Oder-Spree und Märkisch-Oderland. Die Linie 87 umfasst 5,6 km und befördert jährlich etwa 600.000 Fahrgäste, während die Linie 88 eine Länge von 22,1 km aufweist und rund 1,1 Millionen Fahrgäste pro Jahr verzeichnet. Beide Linien zeigen eine steigende Fahrgastnachfrage. Da die Strecken unabhängig voneinander betrieben werden, verfügen sie jeweils über eigene Werkstätten, Betriebshöfe, Fahrzeuge und sogar unterschiedliche Spurweiten.
Herr Stahl stellte zunächst die juristischen und wirtschaftlichen Herausforderungen dar. Die Komplexität ergibt sich unter anderem daraus, dass die beiden Linien in verschiedenen Bundesländern (Berlin und Brandenburg) sowie in zwei Landkreisen liegen, was Fördermittelvergabe, Zuständigkeiten und bürokratische Abläufe erheblich erschwert. Hinzu kommen europäische Vorgaben: Nach EU-Verordnung dürfen Dienstleistungsverträge für den Betrieb maximal 22,5 Jahre laufen, während Straßenbahnfahrzeuge typischerweise bis zu 40 Jahre genutzt werden. Auch bundesrechtliche Anforderungen wie die durch das Personenbeförderungsgesetz (PBefG) vorgeschriebene Barrierefreiheit wirken sich direkt auf die Fahrzeugbeschaffung aus. Die bestehenden Fahrzeuge sind aufgrund ihres Alters weder technisch noch rechtlich auf dem aktuellen Stand.
Als die SRS im Jahr 2021 beschloss, neue Fahrzeuge für eine der Linien zu beschaffen, auch weil keine gebrauchten Fahrzeuge den Anforderungen entsprachen, zeigte sich eine weitere wirtschaftliche Schwierigkeit: Große Hersteller haben aufgrund der geringen Stückzahlen nur wenig Interesse, für kleine Straßenbahnbetriebe Fahrzeuge zu entwickeln. Zudem wären die Preise etablierter Anbieter für ein kleines Unternehmen kaum finanzierbar. Letztlich gewann das polnische Unternehmen Modertrans die Ausschreibung und stellte die Gamma-Fahrzeuge für die SRS her.
Im Anschluss erläuterte Herr Riecken die technischen Herausforderungen. Anders als im Eisenbahnsektor existieren für Straßenbahnen keine einheitlichen technischen Standards. Daher variieren Spurweiten, Schienen- und Radprofile, Fahrzeugbreiten, Energieversorgungssysteme sowie Werkstattinfrastrukturen stark zwischen den Betrieben. Dies macht insbesondere den Einsatz von Gebrauchtfahrzeugen problematisch, da häufig umfangreiche Anpassungen nötig wären. Zusätzlich treten bei gebrauchten Fahrzeugen oft Obsoleszenz Probleme sowie eine höhere Störanfälligkeit auf. Die Neubeschaffung erfordert zwar mehr Zeit, umfangreiche Dokumentationen, Nachweise der Betriebssicherheit sowie spezielles technisches Wissen und höhere Kosten, ermöglicht dafür jedoch eine bessere Anpassung an die eigenen Betriebsbedürfnisse sowie moderne Technik, Komfort, Sicherheit und Barrierefreiheit.
Resümierend lässt sich konstatieren, dass Gebrauchtfahrzeuge zwar schneller verfügbar und günstiger, aber kurzlebiger, personalintensiver und nicht immer kompatibel mit der vorhandenen Infrastruktur sind. Neufahrzeuge sind kostenintensiver und aufwendiger in der Beschaffung, bieten jedoch langfristige Vorteile, höhere Zuverlässigkeit und eine optimale Anpassung an den Betrieb.
(Text: Piotr Jagla, Student Verkehrssystemtechnik)
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