Von autonomen Miniatur-Fahrzeugen bis zur Personalkrise im Rathaus: Forschungskolloquium an der TH Wildau zeigt gelebte Praxis
Echtzeit-Simulationen für das autonome Fahren, interdisziplinäre Lernfabriken und handfeste Lösungsansätze gegen den Fachkräftemangel in Kommunen: Das 33. Forschungskolloquium der TH Wildau bot am 17. September ein abwechslungsreiches Programm. Im Future Mobility Center (FMC) in Haus 24 gaben Prof. Stefan Kubica, Doktorand Gordon Lutz und Prof. René Geißler spannende Einblicke in ihre aktuellen Forschungsprojekte, die unmittelbar an den Schnittstellen von Lehre, Technologie und Gesellschaft ansetzen. +++ English version below +++
Der Veranstaltungsort war dieses Mal ein besonderer: Statt im Hör-, Senats- oder Hofsaal fand das Forschungskolloquium direkt inmitten von Testaufbauten, Miniaturfahrzeugen und Sensortechnik im Future Mobility Center (FMC) in Haus 24 statt. Prof. Klaus-Martin Melzer, Vizepräsident für Forschung und Transfer der TH Wildau, freute sich bei der Eröffnung über die gut besuchte Veranstaltung.
Er dankte den Gastgebern vor Ort und betonte die enge Verzahnung von Raum und Programm: Die Räumlichkeiten des FMC stünden sinnbildlich für die ersten beiden Vorträge rund um vernetzte Mobilität, während der dritte Beitrag mit dem Fachkräftemangel in der öffentlichen Verwaltung ein ganz anderes, aber hochaktuelles gesellschaftliches Kernthema aufgreife.
Lernfabrik „Wildauer Maschinen Werke“: Wo Studierende Zukunftstechnologien erforschen
Den inhaltlichen Auftakt machte Prof. Stefan Kubica, Professor für Wirtschaftsinformatik und Vizepräsident für Digitalisierung und Qualitätsmanagement, mit einer Vorstellung des Future Mobility Centers und der Wildauer Maschinen Werke (WMW).
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- Worum geht es?
Die Wildauer Maschinen Werke sind eine sogenannte „Lernfabrik“: Die Hochschule hat ein fiktives Unternehmen nachgebildet, in dem Studierende unterschiedlicher Studiengänge (etwa Wirtschaftsinformatik, Telematik, Wirtschaftsingenieurwesen oder Logistik) gemeinsam an realen Projekten arbeiten. Statt abstrakter Theorie entwickeln sie in agilem Projektvorgehen echte Technik für vernetzte Fahrzeuge im Maßstab 1:14. Die Studierenden schlüpfen dabei in reale Berufsrollen wie Entwicklungsingenieur*in, Software-Developer oder Projektmanager*in. - Was wird konkret erforscht und entwickelt?
Im Labor werden die Mini-Autos mit modernster Sensortechnik wie 3D-Kameras und Laserscannern (LiDAR) ausgestattet. Bei einer Live-Vorführung zeigte Prof. Kubica eine sogenannte „Follow-me“-Funktion: Das Miniatur-Fahrzeug erkannte Personen über seine Kamerasensoren vollautomatisch, hielt einen Sicherheitsabstand von etwa 80 Zentimetern ein und folgte Schritt auf Tritt durch den Raum. - Transfer in die regionale Wirtschaft
Aus den studentischen Projekten entstehen oft echte Innovationen. In Kooperation mit dem regionalen Partner CTM Fahrzeugbau wurde beispielsweise zunächst ein Modellfahrzeug im Maßstab 1:14 entwickelt, aus dem später ein gefördertes Entwicklungsprojekt für einen autonomen Pflanzroboter entstand, der künftig im Wald selbstständig junge Baumsetzlinge pflanzen und kartografieren kann.
Zudem entsteht am FMC ein digitaler 3D-Campus-Zwilling, mit dem sich Gebäude und Wege virtuell am Computer begehen lassen – etwa um barrierefreie Strecken oder Verkehrsflüsse bereits vor dem Bau digital zu testen.
Der „Digital Driving Twin“: Wie autonome Autos im Kleinformat lernen
Direkt an die Arbeit im FMC schloss die Promotionsforschung von Gordon Lutz an, der seine kooperative Doktorarbeit mit der Universidad de Las Palmas de Gran Canaria vorstellte.
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- Worum geht es?
Fahrassistenzsysteme und autonome Fahrzeuge müssen unzählige Millionen Testkilometer absolvieren, bevor sie auf die Straße dürfen. Tests auf realen Straßen sind jedoch zeitaufwendig, extrem teuer und bei riskanten Situationen (wie plötzlichen Hindernissen oder Starkregen) gefährlich. Rein virtuelle Computersimulationen wiederum bilden die unberechenbare reale Welt oft nicht exakt genug ab. Gordon Lutz schlägt eine Brücke: Er verbindet ein reales, kostengünstig per 3D-Druck gebautes 1:14-Testfahrzeug auf einem Labor-Testfeld in Echtzeit mit einer fotorealistischen virtuellen Simulationsumgebung. - Die Innovation: Der LED-Boden als intelligentes Testfeld
Herzstück des Testaufbaus ist ein 5x5 Meter großer LED-Boden im FMC. Dieser dient gleichzeitig als Fahrbahn und als dynamischer Bildschirm. Auf dem Boden werden Spurlinien, Kreuzungen oder Kalibrierungsmuster in Sekundenschnelle digital eingeblendet. - Das PGTRS-Referenzsystem und Lokalisierung
Fährt das Mini-Auto über den Boden, wird seine exakte Position durch verschiedene Indoorlokalisierungsmethoden auf den Millimeter genau digital erfasst. Als gemeinsame Referenz dient das selbst entwickelte System PGTRS (Programmable Ground Truth Reference System). Verglichen werden dabei drei Verfahren: optische Deckenkameras (AprilTag), bordeigene Stereo-Kameras (Visual SLAM) und Funkchips (Ultra-Wideband/UWB). Ziel ist es, Sensor- und Fahrdaten innerhalb von maximal 50 Millisekunden verzögerungsfrei zwischen dem realen Mini-Auto und der Simulation auszutauschen. So kann das Fahrzeug im Labor sicher auf virtuelle Barrieren reagieren, ohne dass ein echtes Hindernis im Weg stehen muss.
Fachkräftemangel in Ämtern: Warum mehr Stellen das Problem nicht lösen
Den Blick auf gesellschaftliche und organisatorische Fragen lenkte anschließend Prof. René Geißler, Professor für Öffentliche Verwaltung. Auf Basis eines zweijährigen Lehrforschungsprojekts mit Brandenburger Behörden analysierte er Ursachen und Folgen der Personalnot in der Verwaltung.
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- Worum geht es?
Der Mangel an Personal betrifft Städte, Landkreise und Landesbetriebe zunehmend spürbar. Die zentrale Botschaft der Untersuchung: Der Fachkräftemangel ist kein vorübergehendes Problem, sondern die neue Normalität. Behörden müssen lernen, dauerhaft mit personellen Lücken umzugehen. - Das Eisberg-Phänomen
Personalmangel zeigt sich laut Geißler auf drei Ebenen: - Offene Stellen: Im Schnitt rund 15 Prozent der Posten in Brandenburger Behörden sind dauerhaft unbesetzt.
- Langwierige Besetzungsverfahren: Auswahlprozesse ziehen sich über viele Monate hin, weil qualifizierte Bewerbungen fehlen.
- Kompromisse bei der Einstellung („Second-Best-Personal“): Stellen werden formell besetzt, die neuen Mitarbeiter/-innen erfüllen das ideale Anforderungsprofil jedoch nicht vollständig.
- Wer trägt die Last?
Die Leidtragenden sind in erster Linie die verbleibenden Beschäftigten. Arbeitsverdichtung, steigende Unzufriedenheit und wachsende Krankenstände führen zu einer Spirale, die wiederum neue Abgänge provoziert. - Der Fall Potsdam – Ein Paradox des Stellenwachstums
Am Beispiel der Stadt Potsdam verdeutlichte Prof. Geißler eine überraschende Ursache: Zwar sank die Stellenbesetzungsquote von 95 Prozent (2013) auf teils unter 80 Prozent (2024), doch hat die Stadt keineswegs an Personal verloren. Die Zahl der tatsächlich Beschäftigten stieg um über 500 Vollzeitstellen. Weil die Politik in guten Haushaltsjahren jedoch noch deutlich mehr Stellen auf dem Papier beschloss (+54 Prozent), konnte das Personalamt mit dem Einstellen schlicht nicht mehr Schritt halten. - Was hilft wirklich?
Erhöhte Budgets oder reine Recruiting-Kampagnen greifen zu kurz. Entscheidend seien interne Hebel: Führungskräfte müssen Beziehungsarbeit leisten, Wertschätzung etablieren und auf gute Arbeitsbedingungen setzen, um Personal langfristig zu binden. Gleichzeitig zwingen aktuelle Haushaltskrisen die Verwaltungen ohnehin wieder zur Aufgabenkritik und zur Frage, welche Leistungen künftig priorisiert werden müssen.
Forschung mit Wirkung für Praxis und Lehre
In der anschließenden Diskussion tauschten sich die anwesenden Kolleg*innen lebhaft über Berührungspunkte aus – etwa über das Potenzial von Künstlicher Intelligenz bei standardisierten Verwaltungsprozessen und die Grenzen rechtlicher Akzeptanz.
Prof. Klaus-Martin Melzer zog ein positives Fazit und hob hervor, dass gerade der bestehende Problemdruck notwendige Veränderungen anstoßen kann: „Ich habe in der Diskussion den Eindruck gewonnen, dass ein gewisser Handlungsdruck auch zu Bewegung führen wird. Das wäre meine Hoffnung: dass dieser Impuls dann in die richtige Richtung geht.“
Mit dem Kolloquium stellte die TH Wildau einmal mehr unter Beweis, wofür angewandte Wissenschaften stehen: Studierende forschen praxisnah an Schlüsseltechnologien von morgen, während Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler drängende Herausforderungen der Region fundiert analysieren und konstruktive Lösungswege aufzeigen.
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From autonomous miniature vehicles to the staffing crisis at the town hall: Research Colloquium at TH Wildau showcases real-world applications
Real-time simulations for autonomous driving, interdisciplinary learning factories and concrete solutions to the shortage of skilled workers in local authorities: Research Colloquium at TH Wildau offered a varied programme on 17 September. At the Future Mobility Centre (FMC) in Building 24, Prof. Stefan Kubica, PhD student Gordon Lutz and Prof. René Geißler provided fascinating insights into their current research projects, which are situated directly at the interface between teaching, technology and society.
This time, the venue was a special one: instead of the Lecture Theatre, Senate Hall or Courtyard Hall, the research colloquium took place right amidst test set-ups, miniature vehicles and sensor technology at the Future Mobility Centre (FMC) in Building 24. Prof. Klaus-Martin Melzer, Vice-president for Research and Transfer at TH Wildau, was delighted with the well-attended event during his opening remarks.
He thanked the local hosts and emphasised the close interconnection between the venue and the programme: the FMC’s premises symbolised the first two presentations on connected mobility, whilst the third presentation, addressing the shortage of skilled workers in public administration, tackled a completely different yet highly topical core social issue.
‘Wildauer Maschinen Werke’ training factory: where students research future technologies
Prof. Stefan Kubica, Professor of Business Computing and Vice-president for Digital Affairs and Quality Management, kicked off the programme with a presentation of the Future Mobility Centre and the Wildauer Maschinen Werke (WMW).
Key points at a glance
- What is it about?
Wildauer Maschinen Werke is a so-called ‘training factory’: the university has recreated a fictional company in which students from various degree programmes (such as Business Computing, Telematics, Industrial Engineering or Logistics) work together on real-world projects. Instead of abstract theory, they use an agile project approach to develop actual engineering for connected vehicles on a 1:14 scale. In doing so, the students take on real-world professional roles such as development engineer, software developer or project manager. - What exactly is being researched and developed?
In the laboratory, the mini-cars are equipped with state-of-the-art sensor technology such as 3D cameras and laser scanners (LiDAR). During a live demonstration, Prof. Kubica showcased a so-called ‘follow-me’ function: the miniature vehicle automatically detected people via its camera sensors, maintained a safe distance of around 80 centimetres and followed them step by step across the room. - Transfer to the regional economy
Student projects often give rise to genuine innovations. In cooperation with the regional partner CTM Fahrzeugbau, for example, a 1:14 scale model vehicle was initially developed, which later led to a funded development project for an autonomous planting robot capable of independently planting and mapping young tree saplings in the forest in future.
In addition, a digital 3D campus twin is being created at the FMC, allowing buildings and pathways to be explored virtually on a computer – for example, to digitally test accessible routes or traffic flows even before construction begins.
The ‘Digital Driving Twin’: How autonomous cars learn on a small scale
Gordon Lutz’s doctoral research followed on directly from his work at the FMC; he presented his collaborative PhD thesis with the Universidad de Las Palmas de Gran Canaria.
Key points at a glance
- What is it about?
Driver assistance systems and autonomous vehicles must complete countless millions of test kilometres before they are allowed on the road. However, tests on real roads are time-consuming, extremely expensive and, in risky situations (such as sudden obstacles or heavy rain), dangerous. Purely virtual computer simulations, on the other hand, often do not replicate the unpredictable real world accurately enough. Gordon Lutz bridges this gap: He connects a real, cost-effectively 3D-printed 1:14-scale test vehicle on a laboratory test track to a photorealistic virtual simulation environment in real time. - The innovation: the LED floor as an intelligent test track
At the heart of the test setup is a 5x5-metre LED floor at the FMC. This serves both as a road surface and as a dynamic screen. Lane markings, junctions or calibration patterns are digitally projected onto the floor in a matter of seconds. - The PGTRS reference system and localisation
As the mini-car drives across the floor, its exact position is digitally recorded to the nearest millimetre using various indoor localisation methods. The PGTRS (Programmable Ground Truth Reference System), developed in-house, serves as the common reference.
- Three methods are being compared: optical ceiling-mounted cameras (AprilTag), on-board stereo cameras (Visual SLAM) and radio chips (Ultra-Wideband/UWB). The aim is to exchange sensor and driving data between the real mini-car and the simulation without delay, within a maximum of 50 milliseconds. This enables the vehicle to react safely to virtual barriers in the laboratory without the need for a real obstacle to be in the way.
Skills shortages in public authorities: Why creating more jobs won’t solve the problem
Prof. René Geißler, Professor of Public Administration, then turned his attention to social and organisational issues. Based on a two-year teaching and research project with Brandenburg’s public authorities, he analysed the causes and consequences of staff shortages in the public sector.
Key points at a glance
- What is it about?
Staff shortages are having an increasingly noticeable impact on towns, districts and state-run enterprises. The key message of the study: the shortage of skilled workers is not a temporary problem, but the new normal. Public authorities must learn to deal with staff shortages on a permanent basis. - The iceberg phenomenon
According to Geißler, staff shortages manifest themselves on three levels: - Vacant posts: On average, around 15 per cent of posts in Brandenburg’s public authorities are permanently unfilled.
- Lengthy recruitment processes: Selection processes drag on for many months due to a lack of qualified applications.
- Compromises in recruitment (‘second-best staff’): Posts are formally filled, but the new staff do not fully meet the ideal job profile.
- Who bears the burden?
Those who suffer most are, first and foremost, the remaining staff. Increased workload, rising dissatisfaction and growing rates of sick leave lead to a spiral that, in turn, triggers further departures. - The Potsdam Case – A Paradox of Job Growth
Using the city of Potsdam as an example, Prof. Geißler highlighted a surprising cause: whilst the post-filling rate fell from 95 per cent (2013) to, in some cases, below 80 per cent (2024), the city has by no means lost staff. The number of actual staff rose by over 500 full-time positions. However, because politicians approved significantly more posts on paper during years of budget surplus (+54 per cent), the recruitment office simply could no longer keep pace with the hiring. - What really helps?
Increased budgets or mere recruitment campaigns do not go far enough. Internal levers are crucial: managers must build relationships, foster a sense of appreciation and prioritise good working conditions in order to retain staff in the long term. At the same time, current budgetary crises are forcing administrations to reassess their tasks and consider which services must be prioritised in future.
Research with an impact on practice and teaching
In the ensuing discussion, the colleagues present engaged in a lively exchange of views on areas of overlap – such as the potential of artificial intelligence in standardised administrative processes and the limits of legal acceptance.
Prof. Klaus-Martin Melzer drew a positive conclusion and emphasised that the current pressure to address these issues can, in particular, drive necessary change: “During the discussion, I gained the impression that a certain pressure to act will also lead to progress. That would be my hope: that this impetus then moves in the right direction.”
With this colloquium, the TH Wildau once again demonstrated what applied sciences are all about: students conduct practice-oriented research into the key technologies of tomorrow, whilst academics carry out in-depth analyses of the region’s pressing challenges and identify constructive solutions.
Fachliche Ansprechperson
Dr.-Ing. Sarah Schneider
Forschungs- und Transfermanagement
Forschungs- und Transfermanagerin
Tel.: +49 3375 508 498
Mobil-Tel.: +49 175 1957644
Mail: sarah.schneider@th-wildau.de
Haus 13, Raum 0.41
Redaktionelle Ansprechperson
Sebastian Stoye
Zentrum für Hochschulkommunikation
Interne Kommunikation & Referent der Präsidentin
Tel.: +49 3375 508 340
Mobil-Tel.: +49 15679 158557
Mail: sebastian.stoye@th-wildau.de
Web: https://www.th-wildau.de/interne-kommunikation/
Haus 21, Raum A102
Präsidium: https://www.th-wildau.de/hochschule/praesidium